Sherlock Holmes musste raus aus der Baker Street

Als ich begann, über meine erste eigene Sherlock-Holmes-Geschichte nachzudenken, stand für mich eine Entscheidung ziemlich früh fest: Ich wollte Holmes aus seiner gewohnten Umgebung herausholen.

Die Baker Street, das viktorianische London, Scotland Yard, die vertrauten Straßen und die Menschen, mit denen Holmes regelmäßig zu tun hat – all das gehört untrennbar zu seiner Welt. Und natürlich liebe ich diese Welt. Sonst hätte ich vermutlich nie damit begonnen, eigene Geschichten über Sherlock Holmes zu schreiben.

Aber gerade weil diese Umgebung so vertraut ist, reizte mich der Gedanke, sie für eine Weile hinter uns zu lassen.

Ich wollte Holmes und Watson auf eine Reise schicken. Weit weg von London, weg von den üblichen Schauplätzen ihrer Ermittlungen. An einen Ort, an dem andere Regeln gelten, an dem sie niemanden kennen und an dem sich die Ereignisse nicht einfach durch einen Besuch bei Scotland Yard klären lassen.

So entstand die Idee, die beiden nach Glenmore Castle zu führen.

Ein abgelegenes Schloss, eine fremde Umgebung und ein Geheimnis, das darauf wartet, entschlüsselt zu werden.

Für mich war das der ideale Ausgangspunkt für meinen ersten Fall.

Wenn Watson einmal auf Holmes aufpassen muss

Es gab allerdings noch einen zweiten Gedanken, der mich von Anfang an beschäftigte.

In den ursprünglichen Geschichten von Arthur Conan Doyle mochte ich besonders jene Momente, in denen Sherlock Holmes nicht als nahezu unermüdlicher Ermittler erscheint, sondern als Mensch, dessen Gesundheit Grenzen kennt.

Holmes ist zwar ein außergewöhnlicher Denker, aber eben kein unverwundbarer Held.

Gerade Dr. Watson übernimmt in solchen Situationen eine Rolle, die über die des Freundes und Chronisten hinausgeht. Er ist Arzt. Und manchmal muss er Holmes daran erinnern, dass auch der brillanteste Verstand einen Körper besitzt, der Ruhe benötigt.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist für mich „Der Teufelsfuß“. Dort hat Holmes sich nach einer Phase schwerer Überarbeitung auf ärztlichen Rat zurückgezogen. Auch „Die Löwenmähne“ zeigt uns einen Holmes außerhalb seines früheren Londoner Alltags.

Solche Geschichten haben mich immer besonders angesprochen.

Nicht, weil ich Holmes schwach darstellen wollte, sondern weil diese Momente seiner Figur etwas Menschliches verleihen.

Watson darf dann auch einmal derjenige sein, der bestimmt, was vernünftig ist. Der Freund, der sich Sorgen macht. Der Arzt, der nicht jede Entscheidung seines berühmten Patienten widerspruchslos hinnimmt.

Diesen Aspekt wollte ich ebenfalls in meine Geschichte einfließen lassen.

Die Reise sollte deshalb nicht einfach nur ein Ortswechsel sein. Sie sollte auch etwas von jener besonderen Freundschaft zeigen, die Holmes und Watson miteinander verbindet.

Denn so unterschiedlich die beiden Männer sind, ihre Beziehung gehört für mich zu den wichtigsten Bestandteilen dieser literarischen Welt.

Eine Zugfahrt mit einem kleinen Geheimnis

Wer „Das Rätsel von Glenmore Castle“ gelesen hat, erinnert sich vielleicht an eine Begegnung während der Zugfahrt.

Holmes und Watson teilen ihr Abteil für eine Weile mit einer Frau, die sich mit ihnen unterhält und später den Zug wieder verlässt.

Diese Begegnung habe ich nicht ganz zufällig eingebaut.

Dahinter verbirgt sich ein kleines Easter Egg, eine Anspielung, die ich bewusst nicht näher erklären möchte.

Vielleicht hat der eine oder andere Leser bereits eine Vermutung, um wen es sich bei dieser Frau handeln könnte.

Ich bin jedenfalls gespannt, ob irgendwann jemand darauf kommt.

Wer glaubt, das Rätsel gelöst zu haben, darf mir gerne schreiben.

Die Antwort werde ich hier natürlich nicht verraten. Schließlich soll wenigstens dieses kleine Geheimnis noch eine Weile bestehen bleiben.

Ein Schloss und ein Rätsel, das gelöst werden will

Neben der Reise und der besonderen Situation zwischen Holmes und Watson gab es einen weiteren Bestandteil, auf den ich mich beim Schreiben ganz besonders gefreut habe: das eigentliche Rätsel.

Ich wollte eine Geschichte erzählen, in der nicht ausschließlich Aussagen verglichen, Fußspuren untersucht oder Verdächtige befragt werden.

Es sollte etwas zu entdecken geben.

Etwas, das zunächst unverständlich erscheint und dessen Bedeutung sich erst nach und nach erschließt.

Ein altes Schloss bot dafür eine wunderbare Kulisse.

Solche Orte besitzen für mich einen besonderen Reiz. Sie haben eine Vergangenheit, die weit über das Leben ihrer gegenwärtigen Bewohner hinausreicht. Räume, Gegenstände und Überlieferungen können eine Bedeutung besitzen, die längst vergessen wurde.

Und manchmal verbirgt sich hinter einem scheinbar unbedeutenden Detail der Schlüssel zu einem viel größeren Geheimnis.

Genau mit diesem Gedanken wollte ich spielen.

Dabei reizte mich vor allem die Verbindung zwischen dem Abenteuerlichen und dem klassischen Detektivroman.

Holmes sollte nicht plötzlich zu einem anderen Helden werden. Seine wichtigsten Werkzeuge bleiben sein Verstand, seine Beobachtungsgabe und seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen.

Aber ich wollte ihm eine Aufgabe geben, bei der diese Fähigkeiten in einer ungewöhnlichen Umgebung zum Einsatz kommen.

Das Schreiben dieser Passagen hat mir besonders viel Freude gemacht.

Denn während der Fall natürlich einer geplanten Handlung folgte, konnte ich mich bei der Gestaltung des Rätsels und seiner einzelnen Bestandteile auf eine Art austoben, die ich an solchen Geschichten schon immer geliebt habe.

Zwei Mordfälle und mehr als ein Täter

Ein weiterer Gedanke war mir bei der Entwicklung der Handlung wichtig.

Ich wollte keinen Fall, bei dem sich am Ende sämtliche Verbrechen auf einen einzigen Täter und einen einzigen Plan zurückführen lassen.

Stattdessen entwickelte ich eine Geschichte mit zwei Mordfällen, die unabhängig voneinander geschehen, deren Motive jedoch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten besitzen.

Dazu kamen mehrere Menschen, die auf unterschiedliche Weise Schuld auf sich geladen haben.

Gerade diese Konstellation fand ich reizvoll.

Denn wenn zwei Verbrechen ähnliche Motive besitzen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie vom selben Menschen begangen wurden.

Für einen Ermittler kann genau diese Ähnlichkeit zur Falle werden.

Was zunächst wie ein zusammenhängendes Geschehen erscheint, muss nicht zwangsläufig eines sein.

Umgekehrt können unabhängig voneinander handelnde Menschen durch ihre Entscheidungen Ereignisse auslösen, die sich später gegenseitig beeinflussen.

Mich interessierte dabei, wie Holmes die einzelnen Handlungsstränge voneinander trennt.

Welche Beobachtung gehört zu welchem Verbrechen? Welche Aussage betrifft tatsächlich den untersuchten Mordfall? Und an welcher Stelle entsteht lediglich der Eindruck eines Zusammenhangs, weil verschiedene Menschen aus ähnlichen Beweggründen handeln?

Für mich machte gerade diese Konstruktion einen wesentlichen Teil des Reizes aus.

Ich wollte, dass sich die Geschichte am Ende nicht durch eine einzige überraschende Erkenntnis auflöst, sondern dass Holmes mehrere Zusammenhänge offenlegt, die zuvor miteinander verwoben erschienen.

Die große Auflösung – ganz klassisch Sherlock Holmes

Bei einer Sache wollte ich allerdings überhaupt nicht experimentieren.

Ich wollte eine klassische Sherlock-Holmes-Auflösung.

Jenen Moment, in dem Holmes die Beteiligten zusammenführt, sich ihrer Aufmerksamkeit sicher ist und schließlich erklärt, was tatsächlich geschehen ist.

Ich mag diese Szenen außerordentlich.

Holmes nimmt sich die Menschen vor, deren Aussagen und Handlungen er untersucht hat. Er erklärt, welche Einzelheiten ihm aufgefallen sind, welche Schlussfolgerungen er daraus gezogen hat und weshalb bestimmte Erklärungen nicht stimmen können.

Dabei entsteht für mich ein ganz besonderer Reiz.

Dinge, die zuvor nebensächlich erschienen, bekommen plötzlich eine Bedeutung. Einzelne Beobachtungen fügen sich zusammen. Und Menschen, die glaubten, ihre Geheimnisse sicher verborgen zu haben, müssen erkennen, dass Holmes ihnen längst auf die Spur gekommen ist.

Genau diesen Moment wollte ich in meinem ersten Roman unbedingt haben.

Nicht einfach eine Verhaftung. Nicht bloß ein Geständnis, das alle Fragen beantwortet.

Sondern Sherlock Holmes, der seine Gedanken entfaltet und den Beteiligten Schritt für Schritt vor Augen führt, wie er die Wahrheit herausgefunden hat.

Für mich gehört das zu den schönsten Traditionen der klassischen Detektivliteratur.

Und ich wollte meinem ersten eigenen Holmes-Fall unbedingt eine solche Szene geben.

Mein erster Schritt in die Welt von Sherlock Holmes

Rückblickend ist „Das Rätsel von Glenmore Castle“ für mich auch deshalb ein besonderes Buch, weil es mein Einstieg in diese literarische Welt war.

Ich hatte viele Vorstellungen davon, was eine gute Sherlock-Holmes-Geschichte für mich ausmacht.

Die Freundschaft zwischen Holmes und Watson. Die Atmosphäre einer vergangenen Epoche. Das Vergnügen, einem ungewöhnlichen Rätsel zu folgen. Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Geheimnissen. Und schließlich ein Detektiv, der durch seinen Verstand Ordnung in scheinbar unvereinbare Ereignisse bringt.

All diese Elemente wollte ich in meiner ersten Geschichte miteinander verbinden.

Gleichzeitig wollte ich nicht einfach eine bekannte Handlung nacherzählen oder Holmes ausschließlich in den vertrauten Straßen Londons ermitteln lassen.

Ich wollte ausprobieren, wie sich die Figur in einer anderen Umgebung behauptet, ohne dabei ihren Charakter zu verlieren.

Ein abgelegenes Schloss, eine Reise, ein ungewöhnliches Rätsel und mehrere Verbrechen boten mir dafür genau die Möglichkeiten, die ich gesucht hatte.

Natürlich entwickelt man sich als Autor weiter. Mit jedem neuen Roman kommen Erfahrungen hinzu. Man entdeckt Dinge, die man beim nächsten Mal anders lösen möchte, und findet neue Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen.

Aber an der Grundidee von Glenmore Castle würde ich nichts ändern wollen.

Denn sie entstand aus genau dem, was mich selbst an Sherlock Holmes begeistert.

Warum ich die Geschichte heute noch gerne betrachte

Wenn ich heute an „Das Rätsel von Glenmore Castle“ denke, erinnere ich mich vor allem daran, wie viel Freude mir die Arbeit an dieser Geschichte gemacht hat.

An die Überlegung, Holmes und Watson auf Reisen zu schicken.

An das Vergnügen, ein Rätsel zu entwickeln, das sich nicht sofort erschließt.

An die Herausforderung, zwei voneinander unabhängige Mordfälle so miteinander zu verweben, dass ihre Gemeinsamkeiten ebenso interessant werden wie ihre Unterschiede.

Und natürlich an die große Auflösung, auf die ich während des Schreibens hingearbeitet habe.

Ich wollte eine Geschichte erzählen, die etwas von jener Abenteuerlust besitzt, die mich selbst als Leser immer wieder zu klassischen Kriminalromanen zurückkehren lässt.

Eine Geschichte, in der man mit Holmes und Watson einen fremden Ort betritt, sich auf ein Geheimnis einlässt und schließlich erlebt, wie aus scheinbar unzusammenhängenden Einzelheiten eine nachvollziehbare Wahrheit entsteht.

Ob mir das in allen Punkten gelungen ist, müssen meine Leser entscheiden.

Aber ich weiß noch sehr genau, weshalb ich diese Geschichte schreiben wollte.

Weil ich Sherlock Holmes einmal aus London fortschicken wollte.

Weil ich Watson die Gelegenheit geben wollte, sich um seinen Freund zu kümmern.

Weil ich Lust auf ein richtiges Rätsel hatte.

Und weil ich unbedingt jenen Moment schreiben wollte, in dem Sherlock Holmes vor den versammelten Beteiligten steht und ihnen erklärt, was wirklich geschehen ist.

So begann für mich „Die unerzählten Fälle von Sherlock Holmes“.

Und vielleicht ist das auch der schönste Gedanke an diesen ersten Roman: Dass aus einer einzigen Geschichte inzwischen eine ganze literarische Welt geworden ist.